Interviews

„Angefangen hat alles mit Guns 'n Roses“

Der Schlagzeuger Philipp Kohnke, ehemaliges Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie, hat seit der letzten Spielzeit einen festen Vertrag an der Staatsoper Hannover. Einen Tag vor unserem Interview probte er als Gastschlagzeuger mit dem Kasseler Opernorchester, nach dem Gespräch verstärkte er das Hamburger Opernorchester in einer Vorstellung der „Traviata“, die darauf folgenden Tage waren mit Diensten an seinem normalen Arbeitsplatz ausgefüllt. Ein Gespräch zwischen zwei Reiseterminen.

Die meisten kommen während ihrer Kindheit über das Flöten- oder Klavier-Spiel mit einem Instrument in Kontakt. Bei Ihnen war es gleich das Schlagzeug. Wie kam es dazu?

Angefangen hatte alles mit einem Video der Band „Guns ’n Roses“, einem Mitschnitt eines Konzertes in Tokio und der Drummer hatte mich schwer beeindruckt. Durch Zufall bin ich dann an einen Lehrer geraten, der in Braunschweig an der Oper spielte. Da war ich zehn Jahre alt.
Meine Eltern fanden meine Instrumentenwahl nie schlecht. Es ist nämlich ein Gerücht, dass das Schlagzeug so laut ist. Bei den Blechinstrumenten ist das viel schlimmer. Selbst unter den Profi-Musikern gibt es da welche, die sich schämen, wenn sie zu Hause üben müssen. Das Problem stellt sich mir gar nicht: ich habe nämlich keine eigenen Instrumente zu Hause stehen.
Kein Gerücht ist es dagegen, dass man am Anfang nicht so viel üben muss, bis man zu einem hörbaren Ergebnis kommt. Das war wichtig für mich, deswegen bin ich da auch dran geblieben. Als Zehnjähriger konnte ich es mir erlauben, zu sagen: ich übe, wenn ich Lust habe. Das geht dann auch, wenn man nur jeden zweiten Tag übt. Beim Blech oder bei den Streichern geht das nicht.

Dann stellte sich nach dem Schulende gar nicht mehr die Frage, welchen Beruf Sie ergreifen?

Doch! Nach dem Abitur wusste ich noch nicht, was ich beruflich machen wollte. Ich habe erst einmal ein halbes Jahr Regie-Assistenz an der Opern-Schule in Detmold gemacht und gleichzeitig an der dortigen Hochschule Schlagzeugunterricht genommen. Nach dieser Zeit hatte sich dann für mich herauskristallisiert: ich will die Musik nicht aufgeben. Ich hatte damals schon so viel Zeit mit meinem Instrument verbracht, dass ich merkte, das würde mir schwer fallen. Es war dann eine bewusste Wahl von mir, mich als Schlagzeuger auf die Orchestermusik zu spezialisieren.

War dann Ihre Zeit mit der JDPh vor allen Dingen eine gute Möglichkeit, Orchestererfahrung zu sammeln?

Das ging viel weiter darüber hinaus! Ich hatte das Glück, schnell zu den Ersten Schlagzeugern aufzusteigen und auch interessante Stimmen zu spielen. Dadurch habe ich früh wichtige Erfahrungen machen können. Unter anderem konnte ich die Solopauke in Mahlers 7. Symphonie auf der großen Italientournee in zehn Konzerten spielen. Ich hatte bis dahin noch nicht auf diesem Niveau in einem Orchester gespielt. Ich habe es als absolutes Privileg empfunden, diesen Part in einer langen Probezeit erarbeiten und so oft zur Aufführung bringen zu können. 
Diese Erfahrung kann ich jetzt erst richtig schätzen in meinem Orchesteralltag, wo Programme wie am Fließband entstehen, wo man sich bei dem einen Stück mehr Proben und bei dem anderen Stück eher weniger Proben wünschen würde.
Und dadurch, dass die JDPh selbst organisiert ist, kann man dort auch so etwas wie Orchestervorstandstätigkeiten trainieren. Ich überlege gerade, ob ich mich zur Wahl aufstellen lasse für den Orchestervorstand der Staatsoper Hannover. Man kann dort zwar in der Regel nicht ganz so viel mitentscheiden wie in der JDPh aber der Vorstand hat durchaus auch Einfluss auf Personalentscheidungen und Spielplangestaltung. Diese Gestaltungsmöglichkeiten habe ich während meiner Zeit an der JDPh schätzen gelernt.

Fast alle Instrumentengruppen sind eigentlich an jedem Opernabend gefordert. Viele klassische Werke kommen jedoch mit wenig Perkussion aus. Wird es einem da als Schlagzeuger nicht manchmal langweilig?

Es reicht mir nicht, abends im Orchestergraben zu sitzen und zu spielen, was dann von einem gefordert wird. Um erfüllt zu sein in diesem Beruf, muss ich Dinge herausholen oder reininterpretieren. Ich brauche das. Ich setze mich beispielsweise mit der Dramaturgie auseinander, die in einer Neuinszenierung in unserem Haus entwickelt wird.
Ganz wichtig für Schlagzeuger an der Oper ist es auch, sich außerhalb des Opernzusammenhangs weiterzuentwickeln, dass man gefordert wird, sich an die Grenzen holt. Diese Möglichkeit hat man in der Oper selten, aber es gibt noch andere Gelegenheiten, diese Grenzerfahrungen machen zu können, auch hier im Hause. So gibt es an der Staatsoper Hannover eine Kammermusikreihe, in der sich bestimmte Formationen aus dem Opern-Orchester zusammentun können, um Kammermusik-Abende zu geben. Wir Schlagzeuger machen das auch. Kammermusik ist etwas Wichtiges für unsere Instrumentengruppe, es ist eine gute Möglichkeit, sich an seinem Instrument außerhalb des Pflichtdienstes zu fordern.

Und außerhalb des Opernbetriebes ist es doch bestimmt auch schwierig, interessante Stücke für Schlagzeug zur Aufführung zu bringen?

Die JDPh bietet da eine gute Plattform, so etwas zu verwirklichen. Ich hatte da zum Beispiel ein Projekt mit einer Flötistin: wir haben ein Stück von André Jolivet für Flöte und vier Schlagzeuge einstudiert.
Ich versuche auch, selbst Stücke für Schlagzeug neu zu schreiben. Gerade arbeite ich an einem Projekt mit einer Sängerin: Für Vibraphon und Sopran vertone ich Gedichte der Lyrikerin Unica Zürn.
Und mit meinem Bruder, der auch Schlagzeug spielt, trete ich auch ab und zu auf. Es gibt nämlich gute Literatur für zwei Schlagzeuge, das weiß kaum einer. Zur Zeit studieren wir den Zyklus „Tierkreis“ von Karl-Heinz Stockhausen ein, der in der zweiten Jahreshälfte zur Aufführung gebracht werden wird.

Bleiben da noch musikalisch Wünsche offen?

Im Moment bin ich rundum glücklich mit meinem Berufsleben. Man muss eben sehen, dass man sich das, was dieser Beruf an Möglichkeiten bietet, auch für sich herausholt.
Dadurch, dass das Genre Oper so vielfältig ist, so viele verschiedene Künste miteinander verbindet, ist es für mich nicht mehr so wichtig, welche Stimme für mein Instrument auf dem Pult liegt. Ich bin ein Teil eines künstlerischen Prozesses. Wenn man das so sieht, kann das sehr erfüllend sein, auch wenn das Schlagzeug an dem einen oder anderen Opernabend nicht so viel zu tun hat.

***
Das Interview führte: Ophelia Dittmann


Philipp Kohnke / geboren 1981, war seit April 2004 Mitglied in der Jungen Deutschen Philharmonie. Er nahm an acht Arbeitsphasen teil und spielte unter anderem das Konzert zur Eröffnung des Holocaust-Denkmals in Berlin im Mai 2005, war unter André Boreyko mit dem Orchester zu Gast in der Berliner „Yellow Lounge“ und wirkte auf einer Italientournee unter Adam Fischer bei der Aufführung der 7. Symphonie Gustav Mahlers mit. Philipp Kohnke studierte an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen bei Professor Franz Lang.

Möchten Sie mehr über die Aktivitäten der Jungen Deutschen Philharmonie erfahren?

Dann bestellen Sie per E-Mail ein kostenloses Abonnement unseres Magazins „Der Taktgeber“.