Der Werktitel „Palimpsests“ verweist auf mittelalterliche Handschriften. Um das Pergament wieder verwenden zu können, wurde die oberste Schicht abgekratzt und dann neu beschrieben. Oft blieben Teile der alten Handschrift sichtbar und schimmern durch den neuen Text. Der alte und der neue Text stehen beziehungslos nebeneinander, einige antike Texte sind einzig in Palimpsesten überliefert. Worauf verweisen die Palimpseste in ihrer Komposition, bilden sie eine Traditionslinie?
Meine Komposition „Palimpsests“ präsentiert viel kontrastierendes Material, das sich überschichtet und miteinander kollidiert, gelegentlich sogar auf scheinbar zufällige Weise. Allerdings stammt das gesamte Material aus denselben harmonisch und rhythmisch simplen Quellen. Der erste Eindruck mag chaotisch und sogar unordentlich sein, aber unter dieser Oberfläche bleibt es einheitlich. Deshalb handelt es sich um ein Palimpsest und nicht um eine Collage. Eine Collage zwingt einfach das unzusammenhängende, unterschiedliche Material zusammen, während ein Palimpsest auf der Ebene eines einzigen Pergaments oder einer einzigen Schiefertafel gezeichnet wird. Wenn also mehrere harmonische Ebenen koexistieren, so bilden sie hier tatsächlich eine globale Harmonie.
Jugendorchester wie die Junge Deutsche Philharmonie bilden sich naturgemäß immer wieder neu. Können sie dennoch eine Tradition bilden? Existiert eine Traditionslinie in ihrem Konzertprogramm?
Wenn es eine Traditionslinie gibt, so ist sie sehr merkwürdig. Zunächst ehren wir meinen Lehrer Olivier Messiaen zu seinem hundertsten Geburtstag mit dessen außergewöhnlichem Werk „Chronochromie“. Er hat Richard Wagner sehr leidenschaftlich geliebt und verehrt, obwohl dieses Werk (anders als die Turangalila-Symphonie) kaum direkten Einfluss Wagners zeigt. „Chronochromie“ feiert die Natur, allerdings nicht aus einem romantischen Blickwinkel. Statt die Natur zu beschwören, versucht Messiaen, sie im Konzertsaal zu wiederholen,
vor allem durch die ausschweifende Benutzung des notierten Vogelgesangs. Außerdem finden wir dort ein sehr originelles Nachdenken über die Zeit, indem Messiaen sehr ausgeklügelte rhythmische Konstruktionen benutzt, die dieses Werk noch weiter vom 19. Jahrhundert entfernen.
Ich verehre Wagner ebenfalls, auch wenn „Palimpsests“ ebenfalls unromantisch ist. Die Anschlüsse werden immer wieder unterbrochen, viele harmonische Schichten liegen übereinander, zudem setze ich auf rigorose Klarheit der Klangfülle. Meinem Orchester fehlen eine ganze Reihe Instrumente des mittleren Registers inklusive der Celli – das ist vielleicht willentlich Anti-Wagnerianisch. Es handelt sich also nicht um das gewöhnliche Sammelprogramm, wie man es überall auf der Welt hören kann. Die Mischung war vom Orchester ausdrücklich so gewünscht und ich hoffe, dass die modernen Werke im direkten Zusammenhang mit den Kompositionen des Bayreuther Meisters interessant klingen werden.
Wie wichtig ist musikgeschichtliches Wissen für die Interpretation zeitgenössischer Werke, besonders ihrer Werke?
Jeder musikalische Stil stellt seine eigenen Probleme und Anforderungen. „Chronochromie“ bleibt auch 50 Jahre nach der Uraufführung eine echte Herausforderung für jedes Orchester. Die Holzbläser haben es wirklich schwer und Messiaen stellt hohe Anforderungen an die Virtuosität der Soloschlagzeuger und die 18 Solostreicher kurz vor Schluss des Werks. Die rhythmische Beweglichkeit und Betonungsschemata erfordern sicher auch besondere Aufmerksamkeit.
In meinem Werk gibt es einige Passagen, in denen zarte und lyrische Musik neben rauen und abweisenden Einfällen steht. Hier wird Eigeninitiative und Unabhängigkeit von den Musikern gefordert, und für alle jene, die sich bisher nur mit dem klassisch-romantischen Kernrepertoire beschäftigt haben, bietet das Werk sicher einige Überraschungen.
Sie haben sowohl mit Jugendorchestern als auch mit professionellen Symphonieorchestern gearbeitet. Welche Eigenschaften sollten sich die Nachwuchsmusiker auch im Berufsalltag auf jeden Fall erhalten?
Die Zusammenarbeit mit jungen Musikern bereitet mir immer wieder großes Vergnügen und ich lerne jedes Mal eine Menge von diesen Zusammentreffen. Am erfrischendsten ist die Offenheit, ja der Enthusiasmus für zeitgenössische Musik, den diese Ensembles haben – zusätzlich zu der Tatsache, dass die meisten der Musiker die Meisterwerke der Orchesterliteratur zum ersten Mal spielen. Diese Atmosphäre kann ungeheuer inspirierend sein.
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George Benjamin / Der britische Komponist, Dirigent und Pianist wurde 1960 in London geboren. Sein Kompositions- und Klavierstudium begann er 1976 bei Olivier Messiaen und Yvonne Loriod-Messiaen am Conservatoire de Paris. Zwei Jahre später wechselte er an das King’s College zu Alexander Goehr, wo er sein Studium 1982 abschloss. Benjamin komponiert hauptsächlich Werke für Orchester, Kammermusik und Klavier. Seit 2001 ist er selbst Professor für Komposition am King’s College in London. Bekannt ist George Benjamin heute außerdem als Dirigent, der regelmäßig mit namhaften Ensembles und Orchestern wie z.B. der London Sinfonietta, dem Ensemble Modern, dem BBC Symphonie Orchester, den Berliner Philharmonikern oder dem Concertgebouworchester Amsterdam zusammenarbeitet.
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