Über sein Auftragswerk für die JDPh und den spannenden Weg dorthin sprach Komponist Enno Poppe mit dem hr2-Redakteur Stefan Fricke.
Ein neues Stück ist fertig, die Orchesterkomposition „Markt“ für die Junge Deutsche Philharmonie, die sie bei dir in Auftrag gegeben hat und die im Sommer uraufgeführt wird. Was nun? Die Skizzen wegräumen, etwas pausieren, innehalten, nachsinnen, den Kopf freimachen ..., oder direkt zum nächsten Stück, zur nächsten Idee, zum nächsten Auftragswerk?
Das Stück ist jetzt, während wir sprechen, noch nicht fertig. Ich bin mittendrin. Das heißt: pausieren, innehalten, nachsinnen. Denn diese Tätigkeiten begleiten mich ja ständig. Ich bin beim Arbeiten nicht rauschhaft, sondern versuche immer, den Kopf freizuhalten, um mich und mein Handeln beobachten zu können.
Die nächsten Projekte: das geht ja gar nicht eins nach dem andern, sondern immer simultan. Ich habe jetzt vier Stücke innerlich vorbereitet, an manchen arbeite ich auch schon, in unterschiedlichen Intensitätsgraden. Es gibt einen kontinuierlichen Strom der täglichen Arbeit. Auf diese Weise stehen die verschiedenen Stücke zueinander in Beziehung und entwickeln sich aus einander.
Wie ist überhaupt das Verhältnis von Auftragswerk zu freien Ideen und deren Realisationen? Auftragswerke stellen ja etliche Bedingungen an den Komponisten: Terminraster, vorgegebene Besetzungen, Aufführungsorte ...
Viele Ideen sind ganz unabhängig von Besetzungen und Aufführungsorten. Für mich ist es beim Arbeiten erheblich erleichternd, wenn ich mir vorstellen kann, wer wann was wo spielt. Das ist keine Einengung, sondern eine Bereicherung. Am liebsten schreibe ich für Musiker, denen ich vertraue. Von diesen bekomme ich auch das umfassendste Feedback, wie ein Autor von seinem Lektor.
Beeinflusst dich das Programm, innerhalb dessen ein von dir neu zu schreibendes Stück uraufgeführt werden soll?
Nein. Einen Kompositionsauftrag, der mit einer inhaltlichen Vorgabe (zum Beispiel „2000 Jahre Grundgesetz”) gekoppelt wäre, würde ich auch nicht annehmen.
Die Junge Deutsche Philharmonie ist ja kein Profiorchester. Die Musiker sind talentierte Studierende; sie arbeiten hier projektweise zusammen, auch in wechselnden Konstellationen. Hast du beim Schreiben von „Markt“ darauf Rücksicht genommen?
Hier wäre wohl erstmal zu fragen, was ein Profi ist. Gewiss gibt es bei den „verbeamteten“ Musikern Routinen, die für den Gesamtklang eines Orchesters vorteilhaft sind. Andererseits wird in diesen Klangkörpern meist rücksichtslos wenig geprobt, weil es denen zu teuer ist, so zu arbeiten. Es fällt mir schwer, dieses Verhalten als professionell zu bezeichnen.
Während meiner Zeit als Dirigierstudent habe ich sehr ausdauernd Proben besucht. Die aufmerksamsten und am besten vorbereiteten Musiker habe ich bei der Jungen Deutschen Philharmonie und dem Gustav-Mahler-Jugendorchester beobachtet. Nur hier gibt es auch eine angemessene Probenzeit. Deshalb habe ich diesen Kompositionsauftrag sofort angenommen. Denn man muss für ein sogenanntes Profiorchester viel einfacher schreiben.
Manche Komponisten finden ihre Inspiration bei der Lektüre von Romanen, beim Besuch von Ausstellungen, beim Hören anderer Musik. Wo findest du die Ideen zu deinen Stücken?
Ich bin an vielem interessiert. Es hilft mir, die Wirklichkeit besser zu verstehen, geistig beweglich zu sein. Um zu komponieren, brauche ich aber wenig äußere Einflüsse. Das mag daran liegen, dass ich ohnehin eine große Zahl von Ideen habe, die ich ausarbeiten möchte. Klar kommen mir die meisten musikalischen Einfälle, wenn ich mich mit Musik beschäftige. Gerade das Zeitempfinden und die Tonsysteme außereuropäischer Musik sind für mich äußerst anregend.
Gibt es Vorbilder für deine musikalische, die kompositorische Arbeit?
Ja. Arnold Schönberg hat immer auf extreme Weise neue Dinge gemacht. Bevor er seine Gegenstände wirklich begriffen hat, also sich neuen, für ihn wieder undurchschaubaren Sachen zugewendet. Und immer diese Fülle an Details! Da gibt es keinen Takt, der einfach routiniert hingeschrieben ist.
Viele Künstler sprechen von der Überwindung des „Weißen Blattes“, von der Schwierigkeit, erste Wörter, Zeichen, Noten zu fixieren. Ist das auch für dich ein Problem?
Nein. Denn bevor es zum Aufschreibakt kommt, sind schon viele Gedanken durch meinen Kopf gegangen. Ich habe eine Arbeitsweise mit Notizheften entwickelt, in denen die verschiedensten Zustände eines Stückes gleichzeitig existieren. Eine erste Formskizze kann ich ohne jede Überwindung, aber vielleicht auch ohne ein konkretes Ziel erstellen. Es gibt wohl mehrere Stunden Orchestermusik
in grober Skizzenform, von denen ich sicher nur einen Bruchteil ausarbeiten werde. Kurz gesagt: Anfangen ist immer das Einfachste. Mühsam ist die Mitte. Abschließen ist dann wieder ganz toll.
Glaubst du, dass deine Musik in fünfzig Jahren noch gespielt wird ...
Wenn die Idee der Hochkultur nicht insgesamt für überflüssig erklärt wird, wird meine Musik erhalten bleiben können, zusammen mit der von zahllosen Kollegen der Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.
... und wird Neue Musik für großes Orchester überhaupt eine Zukunft haben?
Der Kulturbetrieb wird sich radikal ändern. Das heißt aber nicht, dass es keine Zukunft gibt. Ich bin überzeugt, dass eine Institution, die keinen Bezug zur Gegenwart hat, es schwer haben wird, ihre Existenz zu legitimieren.
Uraufführungen gehen stets einher mit Erwartungen, manchmal auch mit Bedenken. Wie geht es dir im unmittelbaren Vorfeld einer Uraufführung?
An manche Stücke muss ich mich erst gewöhnen, andere sind mir sofort vertraut, als hätte ich sie vorher schon gehört. Habe ich ja auch, aber nur innerlich, und dort kann man sich bekanntlich immer irren.
... und welche Aufmerksamkeitstipps gibst du uns, den normalen Ersthörern von „Markt“?
I – 80 Sekunden – ein Präludium, das nur aus Tonpunkten besteht, Akkorden, plötzlich eine Linie, ein Ausbruch, Schluss.
II – 5 Minuten – eine Anhäufung virtuoser Linienfragmente, die sich ähnlich, aber niemals gleich sind. Bisweilen großes Durcheinander, dann bleiben manchmal einzelne Soli übrig.
III – 15 Minuten (derzeit geplant!) – aus einem durchgehenden Quintett der fünf Schlagzeuger entsteht durch unablässiges Wiederholen eines kurzen Motivs eine unendliche Melodie.
„Markt“: eine sinfonische Dichtung mit Urlaubsimpressionen? Wohl kaum. Eher ein komplexes System, das auf zahllosen Einzelakteuren beruht. Dynamisch, manchmal unvorhersehbar. Immer von allem zu viel.
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Sehen Sie auch unseren Video-Cast mit spannenden Einblicken in die Probenphase der Sommertournee 2009!
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Enno Poppe / Jahrgang 1969, studierte Dirigieren und Komposition an der Hochschule der Künste Berlin und widmete sich dem Bereich Klangsynthese und algorithmische Komposition an der TU Berlin und am ZKM Karlsruhe. Enno Poppe war Lehrbeauftragter für Komposition an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, unterrichtete bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik und ist seit 1998 musikalischer Leiter des ensemble mosaik.
Kompositionsaufträge erhielt er u. a. von den Berliner Festwochen, Musikbiennale (München), den Donaueschinger Musiktagen und den Salzburger Festspielen.
Zu den Interpreten der Werke Poppes zählen u. a. das Ensemble Modern, das Klangforum Wien, die musikFabrik, Pierre Boulez, Peter Rundel und Ed Spanjaard. Zu Poppes zahlreichen Auszeichnungen gehören der Kompositionspreis der Stadt Stuttgart, der Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung, der Busoni-Preis der Berliner Akademie der Künste und der Boris-Blacher-Preis.
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