Interviews

‚‚Ich glaube, ich dachte: Ja, cool!‘‘

Sebastian Manz gewann mit seinem Klavierpartner 2008 den Deutschen Musikwettbewerb und als Solist den Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Hinzu kamen weitere Auszeichnungen und Stipendien. Dabei dachte der 23-jährige Klarinettist der JDPh nur, er kann ja nichts verlieren.



Frankfurt Hauptbahnhof, Sonntag, 11 Uhr. Mit einem großen Koffertrolley, gewichtiger Instrumententasche und Laptop kommt er vom Gleis. Dunkler Mantel, ernster Blick. Er wirkt um einiges älter als bei der letzten Arbeitsphase. Aber im
Cafélicht ist das Ernste nur noch die morgendliche Müdigkeit. Sebastian bestellt eine heiße Schokolade „bitte schön intensiv“ und grinst wie ein Schuljunge beim Bonbonklauen.

Sebastian, du hast in den letzten Monaten alle großen deutschen Musikpreise gewonnen, der wohl wichtigste war der 1. Preis beim ARDWettbewerb, der im Fach Klarinette seit 40 Jahren nicht vergeben wurde – wie geht es dir?


Danke, wieder gut! Nach der ganzen Aufregung wurde ich erst mal richtig krank. Aber letzte Woche habe ich gefastet und fühl mich jetzt wieder voller Energie!

Du fastest? Verlangt dein Job nicht schon genug Disziplin?


a, aber manchmal muss ich meinem Körper auch was Gutes tun. Fasten ist natürlich nicht so einfach, aber wenn man weiß, was es bringt, kann man auch mal ein paar Tage nichts essen.
Es gibt andere Dinge, in denen ich überhaupt keine Disziplin habe.

Und die wären?

Ich nehme mir ständig vor zu bügeln, aber Wochen später liegt der Berg immer noch da. Haushalt kriege ich allgemein nicht so gut hin.

Aber Wettbewerbe scheinen dein Ding zu sein! Wie meistert man so ein Finale beim ARDWettbewerb?


(Er schaut auf, spätestens jetzt ist er wach).
Das war schrecklich! Ich saß vor meinem Auftritt hinten und war quasi gezwungen, den Kandidaten vor mir anzuhören. Die Lautsprecher in diesem Raum konnte man nämlich nicht ausschalten. Er spielte das gleiche Stück, das ich vor mir hatte, und hat es total in den Sand gesetzt.

Dachtest du da nicht, „Gut, das vergrößert meineChancen“?

Nein, überhaupt nicht! Ich leide in so einem Moment total mit. Genau das kann mir ja auch gleich passieren! Es tat mir auch leid für ihn.

Wie hast du dich wieder in den Griff bekommen?

Ich habe mir Dextroenergen eingeworfen und alles gegeben. Bei der Preisverkündung standen wir dann zu viert unten am Bühnenrand und haben gezittert. Zuerst hieß es: „Es gibt einen 1., keinen 2. und zwei 3. Preise.“ Das war ein so krasser Moment, ich dachte nur: „Verdammt, wer ist der 1.?“

Hört sich an wie bei „Deutschland sucht den Superstar“? Ich hoffe, die machen es da nicht so spannend?


Nein, es geht ganz fair und seriös ab. Trotzdem ist man total ungeduldig und dann, als mein Name gesagt wurde ... Ich weiß nicht, was ich dachte. Ich glaube, ich dachte: „Ja, cool.“

Das war alles? Bist du nicht ausgeflippt vor Freude?


Na ja, man braucht eine Weile, um so was zu kapieren. Die Tage danach waren der Wahnsinn. Mein Telefon klingelte nonstop und ich bekam täglich 20 Mails mit Anfragen. Also
konnte ich nicht groß nachdenken. Seitdem passiert so viel. Ich spiele viele Konzerte, solistisch,mit meinem Duo und meinem Trio, ich habe eine Stelle im Orchester – schon genial!
(Sein Grinsen liegt wieder zwischen frech und scheu.)

Jetzt hast du mit 23 schon so viel erreicht: Was ist das nächste Ziel?

Wettbewerbe spiele ich keine mehr. Ich kann meine Leistungen da im besten Fall nur aufrecht halten. Im Moment zehre ich von den Preisen und sehe die große Chance, all das zu tun, was ich immer tun wollte. Und ich weiß, dass auch etwas Glück dazu gehört. Dafür bin ich dankbar. Ich hab’ noch Ziele, aber die nächsten zwei Jahre sind schon komplett verplant mit Tourneen und Orchesterspiel.

Das Orchesterspielen ist für dich also weiter wichtig? Ist das solistische Spiel nicht viel spannender?

Nein, das finde ich nicht. Die Arbeitsphasen bei der Jungen Deutschen Philharmonie sind zum Beispiel unglaublich bereichernd. Da spielen großartige Musiker mit. Und die Gemeinschaft ist etwas ganz Besonderes. Außerdem ist mein Part nicht weniger wichtig. Ich finde, man muss sogar noch konzentrierter arbeiten.Bei einem Kammermusikabend habe ich die Chance, Atmosphäre langsam aufzubauen, kleine Fehler wettzumachen, mich zu steigern. Beim Orchesterspiel muss es in dem einen Moment genau stimmen – das ist eine Herausforderung.
(Sebastian redet schneller, antwortet, als würde er meine nächste Frage schon kennen.)
Ich spiele seit letzter Saison beim Philharmonischen
Orchester in Lübeck. Ein toller Gegenpol zur Kammermusik. Wir spielen sehr viel Oper. Das ist eine super Schule. Ich
glaube, wenn man Oper spielen kann, kann man fast alles.

Gibt es eigentlich auch Momente, wo dir alles zu viel wird?

Ja. Die Auftritte bedeuten eine hohe Anspannung. Die ist zwar sehr wichtig für die Leistung. Aber manchmal bin ich zwischendurch auch mal nicht so motiviert.
(Er macht eine kleine Pause. )
Naja, dann spiele ich eine Runde Playstation, und dann geht’s weiter.

Deine Eltern sind beide erfolgreiche Pianisten, dein Vater war ebenfalls Preisträger beim Deutschen Musikpreis: War das eher Ansporn oder Druck?


Ich glaube, wenn man in einem musikalischen Umfeld aufwächst, ist das in jedem Fall ein Vorteil. Man wird sehr gefördert. Was die Wettbewerbe betrifft, habe ich immer gedacht: Ich habe nichts zu verlieren. Und der Druck, den die vielen neuen Werke erzeugen, ist für mich ein positiver. Unter Druck spiele ich am besten!

Wann gab es so einen Moment des „positiven Drucks“ von den Eltern?


Meine Mutter hat mich zum Beispiel überredet, bei Sabine Meyer vorzuspielen. Ich war zehn und habe nicht gern geübt. Aber meine Mutter meinte: „Wenn du gut spielst, bekommst
du einen Gameboy.“ Das fand ich einen fairen Deal. Ich spielte gut, bekam den Gameboy, und abends rief Frau Meyer bei uns an und fragte, ob ich bei ihr Unterricht nehmen wolle.

Wie wichtig sind Vorbilder für dich? Ist Sabine Meyer ein Vorbild?


Das kommt darauf an. Technisch ist sie natürlich ein Vorbild. Und ich lerne viel bei ihr. Aber mich interessieren auch andere Musiker. Mit Jörg Wiedmann zu arbeiten fand ich zum Beispiel wahnsinnig bereichernd. Er denkt wie ein Komponist, nicht wie ein Musiker, das eröffnet ganz andere Blicke auf ein Werk. Sowas begeistert mich.

Apropos: Hast du auch noch andere Leidenschaften? Was ist dein Ausgleich zum Musizieren?


Ich gehe schwimmen und jogge, das ist ein guter Ausgleich und für Bläser der beste Sport. Und zur Ablenkung gehe ich ins Kino oder sehe mir DVDs an. Das habe ich auch im Hotel während des ARD-Wettbewerbs gemacht. Da entspanne
ich total. Und spinne an eigenen Filmideen weiter.

Kommen die auch mal zur Umsetzung?

(Jetzt haben seine Augen einen Schimmer. Er redet
grinsend und noch schneller.)
Ich habe ein paar Freunde, mit denen habe ich schon drei Kurzfilme gemacht. Einer lief auch bei einem Festival. Es ist quasi verfilmte Musik von einer Funk-Band. Der zentrale Song
heißt „Calvados“ . Eine Gruppe von Musikern trinkt sich mit dem Obstbrand in einen wilden Rausch und zelebriert das Stück am Ende in totaler Extase. Na ja, schon irgendwie Trash. Die Hälfte des Publikums hat sich weggeworfen vor
Lachen, die andere fand es nur merkwürdig. Aber das spricht schon mal von Originalität.Und dieses Hobby kannst du weiter pflegen?

Siehst du deine Freunde noch?


Ja, wir treffen uns nicht oft, aber regelmäßig. Und dann ist alles wie immer und wir denken uns neue Sachen aus. Ich würde als Nächstes gerne ein etwas größeres Filmprojekt machen. Eine Sciencefiction-Parodie. Aber das hat noch
Zeit.

Gab es denn mal die Idee, beruflich etwas andereszu machen als Musik?


Ja, Filmwissenschaften waren immer eine Alternative. Aber an einem gewissen Punkt war klar, jetzt habe ich so viel in diesen Weg investiert, jetzt werd’ ich ihn weiter gehen.

Wie hätten deine Eltern ansonsten reagiert?

Meine Mutter hätte wohl nur gesagt: „Ach so, den Unterricht bei Sabine Meyer hast Du nur genommen, um damit anzugeben!“ – Nein, ich habe mir das alles selber ausgesucht.

Und was steht ganz aktuell an?

Ich spiele in der nächsten Zeit acht Projekte, mehr oder weniger parallel. Aber ich mache mir keinen Stress.
(Er lächelt und schlürft den letzten Schluck Kakao.)
Ich lebe im Moment. Und der ist super!

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Interview: Julia Becker

Sebastian Manz / wurde 1986 in Hannover als Sohn der Pianisten Julia Goldstein und Wolfgang Manz geboren. Mit sieben Jahren bekam er seinen ersten Klarinettenunterricht, mit 13 spielte er seine erste Tournee als Solist. Der Schüler von Sabine Meyer konzertierte unter anderem auf der EXPO 2000 und dem Festival „Schubertiade“ in Japan.
2008 gewann der heute 23-Jährige beim 57. Internationalen Musikwettbewerb der ARD den 1. Preis im Fach Klarinette, einen Publikumspreis, den Sonderpreis des Münchener Kammerorchesters, den Osnabrücker Musikpreis und den
ifp-Musikpreis. In der Folge spielte Sebastian Manz mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem RSO Stuttgart und dem Collegium Musicum in Basel.
Mit seinem „Duo Riul“ gewann er kurz zuvor den Deutschen Musikwettbewerb 2008 in der Kategorie „Duo Klarinette und Klavier“ und wurde gleichzeitig in die „Bundesauswahl Konzerte Junger Künstler“ aufgenommen. Die beiden
Musiker erhielten außerdem ein Förderstipendium
der „Deutschen Stiftung Musikleben“ und den Sonderpreis der „Marie-Luise-Stiftung“.
Sebastian Manz spielt seit Sommer 2006 bei der Jungen Deutschen Philharmonie. Er nahm unter anderem an einer Europatournee unter Eiji Oue teil und engagierte sich 2007 beim Visionskongress der JDPh.

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