Interviews

„Sich jeden Abend neu erfinden“

Sol Gabetta im Gespräch mit Uwe Friedrich

Cellisten betreiben in der Regel nicht so einen Kult um ihr Instrument wie Geiger. Trotz eines ziemlich schlechten Cellos haben Sie vor zehn Jahren beim ARD-Wettbewerb einen Preis gewonnen. Wie wichtig ist die Qualität des Cellos, auf dem Sie spielen?


— Damals hatte ich überhaupt kein Geld. An ein besseres Instrument war nicht zu denken. Ich bin aber gar nicht unglücklich darüber. Beim ARD-Wettbewerb habe ich den anderen Teilnehmern zugehört und dachte, „mein Instrument ist so viel schlechter als die der anderen, da muss  ich mich ganz besonders anstrengen“. Durch diese Erfahrung lasse ich mich von Instrumenten nicht mehr einschüchtern. Heute spiele ich auf viel besseren Instrumenten, aber auch die stellen hohe Anforderungen an den Spieler. Das ist wie in einer Liebesbeziehung, es ist nicht immer einfach.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welches Konzertangebot Sie annehmen und welches Sie ablehnen? Wie war es zum Beispiel, als die Anfrage der Jungen Deutschen Philharmonie kam, am Neujahrstag die Meditations aus Leonard Bernsteins Mass zu spielen?

— Ich muss zugeben, dass ich die Stücke gar nicht kannte, als die Anfrage kam. Es ist immer eine schwere Entscheidung, ich habe gar keine starren Kriterien. Jedes Konzert könnte schließlich ein toller Abend werden. Ich spiele neue Stücke und treffe Künstler, von denen ich viel lernen kann. Von der Jungen Deutschen Philharmonie hatte ich schon viel gehört und war einfach neugierig. Kristjan Järvi ist ein großartiger Dirigent, mit dem ich gerne zusammenarbeiten möchte. Ein Problem war der Termin, denn ich reise sehr viel und versuche deshalb, beispielsweise Silvester und Neujahr für die Familie frei zu halten. Jetzt verbringen wir den Jahreswechsel eben gemeinsam in Frankfurt.

Sie sind selbst noch sehr jung, sind bereits eine gefragte Solistin und unterrichten an der Musikhochschule in Basel. Was muss ein junger Musiker mitbringen, um die Chance auf eine Solistenkarriere zu haben?

— Mit 16, 17 Jahren wollen fast alle begabten Musiker Solisten werden. Ich glaube, dass es sich um eine Wahl handelt, die das Leben für uns trifft. Die Umstände entscheiden, wohin wir gehören, ich weiß nicht, warum. Ich wäre bestimmt nicht unglücklich, wenn das Leben mich woanders hingestellt hätte. Ich brauche allerdings die größere Freiheit des Solisten bei der Kreation von Musik. Im Kollektiv des Orchesters ist das schwieriger. Ein Tuttispieler im Orchester kann weniger entscheiden als ein Solist. Manche Musiker genießen gerade das, die sind dann im Orchester glücklich. Das muss jeder für sich selbst wissen.

Viele junge Musiker möchten auch nicht im Beamtenapparat eines Symphonieorchesters untergehen und dort die Lust am Musizieren verlieren. In der Jungen Deutschen Philharmonie wird vieles demokratisch entschieden, damit sich alle Musiker vertreten fühlen. Spüren Sie als Solistin eine andere Atmosphäre im Orchester?

— Es ist ganz natürlich, dass sich in einem langen Berufsleben im Symphonieorchester auch Routine und Beamtenmentalität einschleichen, vielleicht lässt sich das auch gar nicht verhindern. Wenn sich Nachlässigkeiten häufen, wird man aber automatisch schlechter. Viele Kammerorchester haben inzwischen neue Organisationsformen entwickelt, und das spüre ich auch bei der gemeinsamen Arbeit. Wenn die Orchestermusiker engagiert bei der Sache sind, entsteht eine echte Kommunikation, die mich dazu inspiriert, neue Dinge auszuprobieren. Nur so bleibt die Musik frisch und aufregend. Ich versuche immer, die Musik so zu spielen, als hätte ich nichts als mein Instrument und müsste mich jeden Abend neu erfinden.

Es heißt immer, Sie hätten bei Vertretern der so genannten „russischen Schule“ studiert. Gibt es heute überhaupt noch nationale Schulen? War die „russische Schule“ für Sie stilbildend?

— Ich habe unter anderem in Berlin bei David Geringas studiert. Er hat eine phänomenale körperliche Präsenz und Kraft, das ist ungeheuer beeindruckend. Er entwickelt den Klang ganz aus dem Inneren, aus dem Bauch des Instruments. Wenn ich das übernommen hätte, würde ich mich sehr freuen. Von einer echten nationalen Schule möchte ich aber eigentlich gar nicht sprechen. „Die Russen“ bezieht sich vor allem auf Mstislaw Rostropowitsch, aber schon seine berühmten Schüler spielen ganz anders als er. Und wir jüngeren bewundern selbstverständlich Rostropowitsch, aber wir spielen wiederum
anders. Viele Zuhörer wollen allerdings unbedingt etwas hören, was meiner Meinung nach gar nicht da ist. Nach einem Konzert sagte mir ein Zuhörer, ich hätte ganz viel von einem bestimmten Lehrer übernommen. Bei dem hatte ich allerdings nur eine einzige Stunde.


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Sol Gabetta / Die 1981 geborene argentinische Cellistin  überraschte schon in ihrer Kindheit mit ihrem musikalischen Talent. Internationale Bekanntheit erlangte Sol Gabetta dann bei renommierten Musikwettbewerben, wie z.B. 1998 beim ARD-Wettbewerb in München oder 2004 als Gewinnerin des „Crédit Suisse Group Young Artist Award“, in dessen Folge sie ihr Debüt mit den Wiener Philharmonikern spielte. Ihre erste CD-Einspielung mit Werken von Tschaikowsky und Ginastera wurde 2007 mit dem „Echo Klassik“ ausgezeichnet. Seit 2005 unterrichtet Sol Gabetta bereits selbst an der Musik-Akademie in Basel. Schon während ihres Studiums gastierte sie oft bei international renommierten Orchestern. So konzertierte sie unter anderem schon mit dem Orchestre National de Radio France, der Kremerata Baltica, der Tschechischen Philharmonie, der Wiener Kammerphilharmonie, dem Spanischen Nationalorchester, dem Münchner Kammerorchester, den Sinfonieorchestern von Basel und Bilbao sowie dem Philharmonischen Orchester in Buenos Aires. Sol Gabetta ist zudem häufiger Gast bei Sommerfestivals und selbst Initiatorin des Solsberg-Kammermusikfestivals bei Basel.

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