Interviews

„Was dazwischen geschieht ist eine Illusion“

Olli Mustonen spielt immer wieder gerne als Solist bei der Jungen Deutschen Philharmonie. Er schätzt die besondere Energie und die Kontinuität des Orchesters, das er kurzerhand mit einem guten Sauerteig vergleicht: „Über die Jahre hat sich die Besetzung verändert, aber es gibt eine echte Tradition. Neue Musiker bringen ihre eigenen Ideen ein, so wie neues Mehl dem alten Sauerteig zugefügt wird, aber es bleibt derselbe Geschmack.“ Ein Telefonat nach Gran Canaria.

Ravels Kompositionen werden gerne in Verbindung zur französischen Malerei des Impressionismus gesetzt. Finden Sie Inspiration für Ihr Spiel in diesen Gemälden?

Das Klavierkonzert ist eine seiner sehr späten Kompositionen. Er entwickelte einen neuen Klassizismus, wie in seiner späten Oper „L’enfant et les Sortilèges“. Die Farben verändern sich. Am Anfang seines Scha!ens ist er eher der vollen romantischen Palette verpflichtet, später wird es graphischer. Er zeichnet klare Linien, seine Orchestrierung wird einfach, bleibt aber meisterhaft. Die Transparenz der Partitur ist bewundernswert. Er hat selbst gesagt, wie sehr er Mozart bewunderte, und dass er sich im langsamen Satz an dessen Klarinettenquintett orientiert hat. Ich mag das Werk seit meiner Kindheit. Für mich gehört Ravel zu einer Gruppe von Komponisten, zusammen mit Mozart und Mendelssohn, die sich durch eine göttliche Leichtigkeit auszeichnen, während es eine andere Gruppe gibt, etwa Beethoven und Brahms, zu denen Zerrissenheit und Heroismus gehören.

Hat das auch etwas mit schierer Kraftentfaltung, mit Lautstärke zu tun?

Auf jeden Fall. Man muss eine eigene Herangehensweise entwickeln. Mozart ist schlicht anders als Beethoven. Ich könnte mich aber nicht zwischen den beiden entscheiden. Ist ein Tiger schöner als ein Löwe? Sie sind eben so, wie Gott sie gescha!en hat und ich bin dankbar, dass es diese grandiose Musik gibt. Man kann sich auch fragen, was passiert wäre, wenn Ravel die Klavierkonzerte oder die Symphonien Beethovens neu orchestriert hätte. Würden sie dadurch zu besserer Musik? Selbstverständlich nicht. Trotzdem ein interessanter Gedanke. Strawinsky, der in unserem Programm auch vorkommt, hat einmal gesagt, er fände es verstörend, wenn eine Komposition zu aufwendig orchestriert sei. Ich höre auch immer wieder Werke, bei denen ich denke, „das ist meisterhaft geschrieben, die Klangfarben sind faszinierend – aber was ist eigentlich die Substanz der Komposition?“ Bei den großen Komponisten stimmen Inhalt und Erscheinungsbild überein. Ravel macht da keine e!ektvollen Tricks. Er nutzt seine Palette an Orchesterfarben virtuos, ohne dass sich diese Virtuosität in den Vordergrund drängt.

Wie finden Sie als Pianist die verschiedenen Farben?

Vieles geschieht unbewusst. Das Klavier hat einerseits, wie ein Orchester, ungeheuer viele Möglichkeiten. Andererseits hat es auch viel mit Magie und Illusion zu tun. Anders als bei einem Blasinstrument oder einem Streicher, der einen kontinuierlichen Klang produziert und diesen noch verändern kann, drücken wir Pianisten eine Taste und der Hammer schlägt an die Saite. Dann ist unser Einfluss auf den Ton schon vorbei. Wir spielen eigentlich immer nur den Anfang eines Tons. Was dazwischen geschieht ist eine Illusion. Es darf natürlich nicht so klingen, als würde immer nur ein Ton neben den anderen gesetzt, es muss eine Linie entstehen. Es ist ein bisschen wie Tennis spielen. Da trägt man auch nicht den Ball auf die andere Seite, sondern das Entscheidende geschieht in der Millisekunde, in der Schläger und Ball zusammentreffen. Tempo, Richtung und Spin müssen in genau diesem Moment stimmen. Die Musik lebt zwischen all diesen kleinen Anfängen.

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Interview: Uwe Friedrich

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