Interviews

„Welche Musik braucht unsere Zeit?“

Im September 2008 leitete Xavier Zuber als Dozent beim Projekttag der Jungen Deutschen Philharmonie den Workshop „Das Orchester der Zukunft“. Er forderte zur intensiven Auseinandersetzung auf – bis die Musiker auf den Tischen stehend lautstark ihre Meinung deklarierten und am Ende gar nicht mehr aufhören wollten zu diskutieren. Der Chef-Dramaturg der Staatsoper Stuttgart sucht stets den neuen Ansatz, den anderen Blick, das aktuell Brisante. Als Berater des Programmausschusses der Jungen Deutschen Philharmonie begibt er sich mit den Musikern regelmäßig gemeinsam auf die Suche. Nach der letzten Sitzung gab es Gelegenheit zum Gespräch.


Herr Zuber, Sie sind offizieller Berater des Programmausschusses der Jungen Deutschen Philharmonie.  Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?


Der Impuls kam von den Musikern selbst. Wir hatten ein gemeinsames Seminar beim Projekttag, in dem wir Zukunftswege für die Junge Deutsche Philharmonie suchten. Es ging darum, wie sich ein Orchester darstellen kann, wie die Musiker Einfluss nehmen können auf das Programm, und wir diskutierten, welchen Grundethos man als Musiker entwickelt, gegenüber seiner Arbeit und gegenüber den Aussagen, die man dem Publikum vermitteln will. Da war ein großes Echo innerhalb des Seminars. So sind wir danach im Gespräch geblieben. 

Wie erleben Sie die Musiker? Was ist für Sie charakteristisch für die Junge Deutsche Philharmonie?


Charakteristisch ist, dass die Musiker große Lust haben, etwas zu gestalten, und dass man hier über die Grenzen hinausdenken will, auch mal in andere Bereiche hinein. Das geht bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit und zur Organisation. Dahinter steckt aber auch die Philosophie, dass man sich bewusst ist, dass ein Orchester sich immer verändern muss, in seiner Haltung und in dem, wie es  sich präsentiert.

Sie arbeiten jetzt seit anderthalb Jahren mit dem Programmausschuss. Wie entwickelt sich die Zusammenarbeit, welche Veränderungen erleben Sie?


Es gibt eine starke Entwicklung. Die Musiker interessieren sich verstärkt für langfristige Programmplanung und fragen: Wie ist der Wiedererkennungsgrad des Orchesters beim Publikum? Was bedeutet Junge Deutsche Philharmonie? Was bedeutet überhaupt Publikumsinteresse, wie bedient man es, oder wie versucht man es kunstvoll zu unterlaufen? Der Programmausschuss denkt da sehr weit. Auch in Bezug darauf, wie er die Programme vermitteln kann. Sie wollen Nachhaltigkeit schaffen. Das macht viel Spaß, gemeinsam diesen Fokus beizubehalten, auch im Alltag mit den sich wiederholenden Fragen nach Besetzung, Stücken und danach, ob die Veranstalter letztendlich zufrieden sind.
Die Musiker versuchen einen Schritt weiter zu denken, Impulse und Elemente vorzugeben. Und da fängt ja Gestaltung und Selbstbewusstsein an, wenn man Dinge vordenkt und sie dann auch verkauft, offensiv, sich nichts diktieren lässt, das ist eben die Kreativität. Die Kreativität schafft dann ein Gesicht und Persönlichkeit,
und ich glaube, das entwickelt sich in eine sehr gute Richtung. 

Es gibt immer mal wieder Stimmen, die behaupten, die Junge Deutsche Philharmonie sei weit weg von der Realität der Berufsorchester, in denen die Musiker diese Freiräume nie mehr haben werden. Was denken Sie darüber?


Das ändert sich, da bin ich zuversichtlich. Ich glaube, dass die Berufsorchester sich auch danach sehnen. Das Problem ist, dass die Strukturen noch nicht da sind. Ein großer Vorteil der Jungen Deutschen Phiharmonie ist ja, dass die Strukturen von den Musikern selbst gegeben werden. Da ist eine große Freiheit, Beschlüsse zu fassen, innerhalb des Vorstandes und der Ausschüsse, und sich entsprechend Arbeitsstrukturen zu schaffen, in denen andere Präsentationsformen möglich sind. Da beneiden die Berufsorchester die jungen Musiker – aber es findet bei ihnen ein Umdenken statt. Auch hier an der Staatsoper Stuttgart. Das ist natürlich hart, wenn man sehr verfestigte Strukturen hat, auch juristisch, arbeitsrechtlich, das geht bis ins Tarifrecht hinein. Aber es gibt auch hier ein neues Bewusstsein. Und es sind die Ehemaligen der Jungen Deutschen Philharmonie, die unglaublich viel von diesen Gedanken dort hineintragen.

Gerade ist die Fortsetzung der interdisziplinären Veranstaltungswoche „Freispiel“ in Planung, und Sie waren beim Workshop dabei. Sie haben ja viel Erfahrung mit neuen und experimentellen Präsentationsformen. Welches Potential, welche Chancen sehen Sie da für die Junge Deutsche Philharmonie?


Mit Freispiel kann die Junge Deutsche Philharmonie zeigen, dass sie tatsächlich ein breites Verständnis dessen hat, was es bedeutet, ein Musiker zu sein. Das bedeutet ja erstmal, ein großes Repertoire geschriebener Musik anzubieten. Aber es bedeutet eben auch, dass man als Performer das große Repertoire der Darstellung beherrscht. Und Freispiel bietet die Chance, sich auch solistisch zu präsentieren, als Interpret, also als Mensch mit einem bestimmten Gedanken, einer Haltung, mit der man außerhalb der Konzertform etwas vermitteln kann, was der Musik noch eine andere Dimension verleiht. Es entsteht dann zum Beispiel in der theoretischen Auseinandersetzung mit einem Thema schon eine Idee oder eine Erkenntnis, die Einfluss auf das gesamte Konzert nimmt. Dieses Spektrum ist plötzlich da, und die Junge Deutsche Philharmonie hat die Möglichkeit, sich anders zu präsentieren. Das unterscheidet die Junge Deutsche Philharmonie von anderen Orchestern. Obwohl sich die Frage natürlich überall stellt – egal ob Berufs-, Laien- oder Jugendorchester: Wie präsentiert sich ein Orchester in der Zukunft gegenüber seinem Publikum, und vor allen Dingen: wie reif und wie mündig zeigt sich der einzelne Musiker. Ich glaube, das wird immer mehr gefragt sein. Man wird die ganze Bandbreite eines Musikers abrufen müssen, gegenüber dem Publikum und gegenüber den Stücken, die man spielt. 

Wie erleben Sie in Ihrer Arbeit an der Staatsoper Stuttgart die Veränderung des Publikums und seiner Ansprüche?


Das Publikum wird jünger. Die zahlungskräftigen Generationen, die jetzt kommen, sind zwischen 30 und 50. Die muss man gewinnen. Aber das setzt einen ganz anderen Hintergrund voraus als für die Generationen davor. Ich glaube, dass das Publikum auch andere Fragen hat an unseren Konzertbetrieb: Was seid ihr? Das Paradies für zwei Stunden? Um uns von dem abzulenken, was da draußen passiert? Oder seid ihr tatsächlich der Spiegel dessen, was wir hier täglich erleben? Sprich großes Gefälle in den sozialen Schichten, Migration aus verschiedenen Ländern etc. Inwiefern spielt das hinein in eure Arbeit? Ihr seid doch ein internationales Orchester, wieso spielt ihr nicht mal was aus den Ländern der Kollegen? Wieso immer nur Beethoven, Mozart und Strauss? 
Wir müssen ja nicht so tun, als hätte es die jüngste Geschichte nicht gegeben, ganz im Gegenteil. Es gibt ja Antworten darauf, künstlerische Antworten, die natürlich mit reflektiert werden müssen innerhalb eines Konzertspielplans.

Wie können sich die Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie auf diese neue Situation einstellen? Was raten Sie ihnen?


Ich glaube, sie müssen schlagfertig sein, nicht nur als Veranstalter oder als Programmausschuss, sondern man muss auch als Musiker schlagfertig sein. 
Die Vergangenheit spiegelt sich in der Gegenwart, und die Gegenwart spiegelt sich immer wieder in der Vergangenheit. Dieses Wechselspiel von Kulturgeschichte muss in die Arbeit der Musiker einfließen, sie müssen sich fragen: Welche Musik braucht unsere Zeit? Sich tatsächlich Gedanken machen: Wo leben wir hier, was hört man ständig, und was hat man schon lange nicht mehr gehört? Welche Stimmen, welche Farben sind verschollen? Welche Farben müssen wir wieder ins Bewusstsein rücken? 
Das ist letztlich eine Erforschung dessen, was einen selbst interessiert. Und was einen interessiert, kann man gestalten, kann man formulieren. Und diese Fertigkeit – formulieren und gestalten –, das müssen Musiker heutzutage auch haben, sich aneignen, so wie Rhetorik für den Anwalt wichtig ist, muss der Musiker eine Haltung dazu zeigen, was Musik in unserer Zeit bedeutet. 

Wie laufen die Gespräche dann konkret in einer Programmausschuss-Sitzung ab, wie bringen Sie sich ein?


Man muss vieles befragen: Wieso denkst du das? Was ist das Besondere an diesem Werk? Wieso sollen wir ein Konzert machen? Was ist euch gerade wichtig? 
Mein Auftrag ist es, immer etwas mitzugeben, ein bisschen Widerstand zu leisten und den Musikern ein bisschen Granit mit ins Gepäck zu schmuggeln, dass sie sagen: Das ist doch viel zu gefällig, was machen wir denn da?
Manchmal überlegt sich jemand ganz im Stillen etwas und kommt plötzlich mit einer Idee heraus, die absolut stimmig ist.
Diese Ansätze versuche ich zu fördern. Wenn Leute kommen und sagen „Ich habe mir zu London, oder zu Wien, Folgendes überlegt“, dann bekommen die auch Redezeit, und die anderen müssen dem erst mal etwas entgegenstellen. Das Ziel ist es, dass jeder in die Diskussion reingeht. Dann kommt man auch direkt zu den Kriterien, die man überprüfen muss. Man muss dann feilen, bis die Skulptur perfekt dasteht und für das Publikum verständlich ist. Ich bin immer am Nachfragen, damit diese Gesprächskultur am Leben bleibt. Das Wichtigste ist, dass man darüber spricht, man muss über alles sprechen. Bei Kollektiven ist es ganz entscheidend, dass keiner zurücksteht. Dabei müssen in einem Kollektiv diejenigen, die die Fertigkeit haben, sich darzustellen, die Verantwortung übernehmen, auch für die anderen.

Sie wollen sehr viel anregen und mitgeben. Was bekommen Sie von den Musikern zurück?


Wenn man dazu beiträgt, so eine Gesprächskultur zu etablieren, ist das auch sehr beglückend für einen selbst. Ich kann nur von meiner Sicht auf die Umwelt sprechen, aber sobald die Musiker davon sprechen, was für sie wichtig ist, in ihrem Leben, in ihrer Umwelt, aber und das dann plötzlich in Musik ausdrücken, als Musiker, aber auch in der Planung, die man als Musiker machen muss, um diese Umwelt darzustellen, das ist total beglückend. Dann hat man einen Künstler vor sich. Und wenn man plötzlich solche Persönlichkeiten vor sich hat, innerhalb des Orchesters, dann weiß man, das ist das Profil! Da kommt Identität zum Tragen, da bekommt das Orchester plötzlich diese Reife, diese Mündigkeit.

An welches Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie erinnern Sie sich besonders gern? Und welches Werk würden Sie gerne noch von diesem Orchester hören?


Das Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie anlässlich der Einweihung des Holocaust-Denkmals in Berlin fand ich ganz groß. Das hat mich auch bewogen, hier zu sein. Das war für mich ein Bekenntnis. Wie die Musiker aufgetreten sind, wie sie gespielt haben, vor diesem Publikum, das war sehr stark. Da spürt man das Potential, die Offenheit und eine große Konzentration für den Anlass und für das betreffende Werk. Ich wünsche mir, dass die Junge Deutsche Philharmonie solche Konzerte noch öfter geben wird. Ich persönlich fände es auch toll, die Junge Deutsche Philharmonie mit einem Opernwerk zu erleben. Das fände ich sehr spannend.


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XAVIER ZUBER / wurde in Basel geboren und arbeitete nach seinem Studium in Frankfurt am Main als Opern-, Tanz- und Schauspieldramaturg an verschiedenen Opernhäusern, Theatern und Festivals, darunter Théâtre de la Monnaie in Brüssel, Opéra de la Bastille in Paris, Teatre Romea Barcelona, Oper Frankfurt sowie die Salzburger Festspiele und das Festival d’Aix-en- Provence. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn seit 2001 mit Calixto Bieito: „Don Giovanni“, „Il trovatore“, „Wozzeck“, „Jenufa“ und „Holländer“ in der Oper, „Hamlet“, „Die Dreigroschenoper“, „Lear“ und „Peer Gynt“ im Schauspiel zeugen davon. Von 1998 bis 2000 war Xavier Zuber als Dramaturg am Theater Basel und in gleicher Position von 2001 bis 2006 an der Staatsoper Hannover engagiert, wo er die Reihe „zeitoper“ ins Leben rief, die sich dem experimentellen Musiktheater widmet. 1996 bis 2005 war er Lehrbeauftragter im Fachbereich Szenografie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Seit 2006 ist Xavier Zuber Leitender Dramaturg der Staatsoper Stuttgart.


Interview: Julia Becker

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