Carolin Widmann gehört zu den aktuell gefragtesten Geigerinnen, sie ist mit den renommiertesten Klangkörpern zu hören und bei allen großen Festivals zu Gast. Im frisch begonnenen Jahr war sie bereits mit dem London Philharmonic Orchestra auf Tournee, spielte mit der Camerata Bern und führte mit der Sopra nistin Salome Kammer erneut die mit Antoine Gindt erarbeiteten Kafka-Fragmente auf. Dabei hat Carolin Widmann vor wenigen Monaten erst ihre Tochter Anne Salome zur Welt gebracht. In der Babypause nahm sie sich Zeit für ein Gespräch mit Dietholf Zerweck.
Seit Herbert von Karajan Anne-Sophie Mutter entdeckte und immer mehr deutsche Geigerinnen die internationalen Konzertpodien erobern, spricht man vom „Fräulein-Wunder“. Zählen Sie sich auch dazu?
—— (lacht:) Ich weiß nicht, ob ich in diese Kategorie gehören. In meiner Biografie gab es nie eine solche Figur wie Karajan. Seit meiner
Jugend habe ich mich stetig in eine bestimmte Richtung entwickelt, die ein ganz breites Spektrum der Violinliteratur umfasst. Das mit
diesen jungen Damen sehe ich auch eher als eine Vermarktungsstrategie, wo sie vielleicht auch Opfer sind.
Ihr Bruder Jörg Widmann ist ein gefragter Klarinettist und Komponist. War es für Sie schwierig, aus dem Schatten des älteren Bruders herauszutreten?
—— Nicht so sehr, weil wir ja beide etwas anderes machen. Eher haben wir uns wunderbar ergänzt und gegenseitig inspiriert und tun das, auch mit gemeinsamen Auftritten, immer noch. Ich habe durch ihn einen vielfältigen Zugang zur modernen Musik, und er gewinnt Einblick ins Streicherrepertoire, auch in die technischen Möglichkeiten der Violine.
Wann wussten Sie, dass Sie Geigerin werden
wollten?
—— Das lässt sich nicht so genau datieren. Allerdings habe ich neulich in meinem Poesiealbum einen lustigen Eintrag von mir im Alter von sechs Jahren gefunden zu dieser Frage. Ich schrieb: „Weltgeigerin oder Köchin“. Offenbar hatte ich mir das schon damals sehr gewünscht und vorgenommen. Aber das mit der Köchin klappt auch heute noch sehr gut.
Sie spielen genau so gern und oft Werke von Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts wie Musik der Klassik und Romantik. Gibt es da
Lieblingsstücke für Sie?
—— Ja, auf jeden Fall. Es gibt auch Lieblingskomponisten. Und ich mag sogar so typische Virtuosenstücke wie von Paganini oder Kreisler.
Das Beethoven-Konzert, die Bach-Partiten, die Violinkonzerte von Alban Berg und Wolfgang Rihm gehören zu meinen Lieblingsstücken. Aber es gibt ein so ungeheuer breites Spektrum von Werken für Violine, auch in der neuen Musik, das mich interessiert.
Auf der diesjährigen Frühjahrstournee der Jungen Deutschen Philharmonie spielen Sie mit dem Orchester Bartóks 2. Violinkonzert. Gehört das für Sie schon zur Klassik oder noch zur Moderne?
—— Beides – wie aber übrigens ein Mozartkonzert auch. Für mich hat jedes gute Musikstück zugleich etwas Bahnbrechendes und etwas Traditionelles. So ist das zweite Bartók-Violinkozert – übrigens auch eines meiner absoluten Lieblingsstücke – von seiner dreisätzigen
Anlage her, nach klassischem Muster. Doch von seiner Rhythmik, aber auch seiner melodischen und harmonischen Struktur her ist es absolut neuartig, faszinierend und spannend.
Wissen Sie schon, welche Zugabe Sie auf dieser Tournee spielen werden?
—— Ich bin kein großer Freund von Zugaben. Ich kenne so viele Negativbeispiele, wie jenen berühmten Herrn, der nach einem Mozart-
Konzert den „Hummelflug“ gegeben hat. Aber vielleicht könnte ich das Publikum mit einer der neuen „Capricci“ von Salvatore Sciarrino elektrisieren.
Warum, glauben Sie, gibt es beim Publikum so große Widerstände gegenüber zeitgenössischer Musik?
—— Viel hängt davon ab, wie man neue Musik vermittelt. Ich glaube, dass es Musiker gibt, die beim Zuhörer eine Offenheit dafür erzeugen
können, da rechne ich mich jedenfalls dazu. Sobald man anfängt, ein bisschen was über ein Stück zu erklären, wird es vom Publikum ganz
anders gehört. Sciarrino habe ich zum Beispiel schon in völlig konventionelle Recitals eingebaut, und das war dann für ein klassisches Konzertpublikum oft der richtige Hit. Aber es genügt nicht, wenn so etwas den Zuhörern einfach hingeknallt wird. Wenn man jedoch einen Sciarrino etwa mit offenen Ohren gehört hat, ändert sich auch die Sichtweise auf eine Brahms oder Schumannsonate. Das geht mir selber ständig so, wenn ich extrem neue Stücke neben meinem klassischen Repertoire übe.
Seit 2006 haben Sie eine Violinprofessur an der Leipziger Musikhochschule. Was versuchen Sie Ihren Studenten zu vermitteln?
—— Eine sehr wichtige Frage! Als ich in Leipzig anfing, überlegte ich mir: Was will ich hier eigentlich erreichen? Mein größtes Ziel für meine
Studenten ist es, dass ich am Ende ihres Studiums überflüssig geworden bin. Es kommt nicht darauf an, dass sie so musizieren, wie ich das für richtig halte. Ich versuche viel zuzuhören und die Studenten zu einer Unabhängigkeit zu erziehen. Dazu gehört, dass sie sich auch selbst kritisch betrachten, nicht nur als Musiker, sondern auch in ihrem Leben. Dass sie sich Fragen stellen: Wie möchte ich leben? Was möchte ich geben, nicht nur als Musiker, sondern als Mensch. Und für jeden bedeutet das etwas anderes.
Milena Schuster, Geigerin und Vorstandssprecherin der Jungen Deutschen Philharmonie, ist auch ihre Studentin in Leipzig. Was schätzen Sie besonders an ihr?
—— An ihr schätze ich sehr viele Seiten. Was sie aber besonders auszeichnet, ist, dass sie sich nicht nur für Musik so leidenschaftlich interessiert, sondern auch für viele andere Dinge. So beeindruckend wie ihr Schostakowitsch-Konzert, das sie mir vorgespielt hat, fand ich,
dass sie ein Buch von Kafka in ihrem Rucksack dabei hatte. Milena ist so begeisterungsfähig und hat überhaupt keine Scheuklappen. Das gilt auch für den Bereich der Musik, sie mag auch viele Stilrichtungen vom Rock bis zur Neuen Musik. Und sie ist auch ein sehr angenehmer
Mensch. Auch das tut beim Unterrichten gut.
Was ist der besondere Reiz für Sie, mit der Jungen Deutschen Philharmonie zu musizieren?
—— Der Reiz ist besonders groß, weil sie einen so phantastischen Ruf hat. Ich habe sie schon öfters gehört und bin total begeistert. Wie der
Name schon sagt, sind das ja alles noch junge Musiker, die sich auch viele Werke neu erarbeiten und mit einem großen Enthusiasmus dabei
sind. Von ihren technischen Möglichkeiten her sind sie einem Profiorchester durchaus ebenbürtig, aber hinzu kommt eben diese Neugier, dieser Elan und diese ansteckende Musizierfreude.
Carolin Widmann / konzertierte als Solistin bereits mit vielen renommierten Orchestern wie den Symphonieorchestern des WDR, NDR, SWR, HR, SR und BR, der Holländischen Radiophilharmonie, dem Orchestre philharmonique du Luxembourg und der Camerata Bern, unter Dirigenten wie Yehudi Menuhin, Jonathan Nott, Thomas Adés und Heinz Holliger. Sie ist regelmäßig Gast bei den großen Festivals unter anderem in Luzern, Schleswig-Holstein, Salzburg und
beim Heidel berger Frühling. Es ist Carolin Widmanns Anliegen, eine Brücke zwischen dem klassisch-romantischen Repertoire und der
Musik der Moderne zu schlagen. So ist sie zwar eine gefragte Interpretin für Neue Musik – Komponisten wie Wolfgang Rihm und Erkki-Sven Tüür schreiben Werke für sie, und sie arbeitet mit Pierre Boulez, George Benjamin und Salvatore Sciarrino –, aber genauso fühlt sie sich dem traditionellen Violinrepertoire verbunden und
verpflichtet.
Sie erhielt einige wichtige Preise, unter anderem wurde ihr beim „Concours International Yehudi Menuhin“ in Boulogne-sur-Mer 1998 der „Prix du President“ von Yehudi Menuhin überreicht.
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Interview: Dietholf Zerweck / Jahrgang 1939, studierte Germanistik, Anglistik, Philosophie und Musik an den Universitäten Tübingen, Freiburg und Glasgow. Er ist Gymnasialprofessor und Kulturjournalist und als freier Mitarbeiter für mehrere Zeitungen in der Region Stuttgart und Karlsruhe tätig.
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