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Stefan Fricke: Gérard Griseys Les espaces acoustiques realisieren die Junge Deutsche Philharmonie und das Ensemble Modern in dessen Jubiläumsjahr 2020 zusammen. Wie kam es zu der Idee?

Philipp Vetter: Der Ausschlag war tatsächlich das Jubiläum „40 Jahre Ensemble Modern“. Wir hatten 2017 schon einmal was zusammen gemacht: Surrogate Cities von Heiner Goebbels bei den KunstFestSpielen Herrenhausen in Hannover.

Dietmar Wiesner: Wir hatten die Idee dazu gemeinsam. Christian Fausch, der ja lange Zeit Geschäftsführer der Jungen Deutschen Philharmonie war, bevor er Geschäftsführer beim Ensemble Modern wurde – und zeitweise auch beide Gruppen gemanagt hat –, vermittelte die Idee dann. Und es gab in beiden Formationen gleich ein total gutes Echo, dass man das Stück unbedingt machen solle. Les espaces acoustiques ist ja nun wirklich eines der wichtigsten Stücke überhaupt aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gerade für Orchester. Zudem bietet es sich für die Zusammenarbeit zwischen der Philharmonie und dem Ensemble besonders wegen der unterschiedlichen Besetzungen an, von klein nach groß.

PV: Beide Klangkörper lassen sich gut kombinieren. 

DW: Und dies spiegelt auch so ein bisschen die Geschichte der Jungen Deutschen Philharmonie und des Ensemble Modern, das ja damals aus der „Jungen Deutschen“ hervorgegangen ist, weil wir den Wunsch hatten, von groß nach klein zu arbeiten. Ende der 1970er Jahre gründeten sich im großen Orchester unterschiedlichste Formationen: Kammerorchester, Schlagzeug- und Blechbläserensembles sowie eben auch das Ensemble Modern. 

Dietmar, du warst seit der Gründung der Jungen Deutschen Philharmonie 1974 Mitglied des Studierendenorchesters?

DW: Ich bin erst 1977 dazugekommen, genau in der Phase, in der die genannten Kleingruppengründungen aktuell wurden. Mitbestimmung der Musikerinnen und Musiker war sowieso schon ein wahnsinnig wichtiges Thema. Aber was bedeutete Mitbestimmung in der Praxis? Es gab und gibt in der Jungen Deutschen Philharmonie kein festes Pult, keinen fixen Konzertmeister oder ersten Solobläser usw., aber Mitbestimmung bedeutet ja eigentlich auch, dass man innerhalb des großen Ensembles noch kleinere Klangkörper hat, wo man dasselbe erneut durchexerziert.

Die Besetzungsdramaturgie von Les espaces acoustiques ist nun genau die umgekehrte. Das Werk beginnt mit der Solo-Bratsche, gefolgt von einem Septett und einem größeren Ensemble, und endet im Epilog mit großem Orchester plus vier Solo-Hörnern. Klassischerweise wird der sechsteilige Zyklus so realisiert, dass die Teile 1 bis 3 von Spezialisten Neuer Musik gespielt werden, und nach einer markanten, auch aus technischen Gründen notwendigen Pause spielt das Orchester die Teile 4 bis 6. Ihr aber macht das anders?

PV: Wir durchmischen die beiden Klangkörper von Anfang an, und das ist auch der besondere Reiz für uns.

DW: Wir gehen ganz paritätisch vor. Von Teil zu Teil wechseln wir die Positionen. Bei Périodes, dem zweiten Stück, übernimmt ein Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie meinen Part der Flöte. Ich komme erst bei einem späteren Stück als Flötist hinzu. Wir als Ensemble Modern machen hier nicht einen auf Spezialistentum. Wir mischen uns von Beginn, und das spiegelt auch unsere Geschichte. 

PV: Für uns von der Jungen Deutschen Philharmonie ist es besonders schön, dass wir gemeinsam auftreten. So können wir von den Profis, die sich täglich mit Neuer Musik auseinandersetzen, unglaublich viel lernen. Es ist wirklich bereichernd, so viel Erfahrung aus der Arbeit mit dem Ensemble Modern mitnehmen zu können. Unschätzbar.

DW: Und ihr, die ihr auf der Hochschule seid oder sie gerade abgeschlossen habt, seid unglaublich gut drauf auf den Instrumenten. Aber es geht hier vor allem darum: Wie macht man zusammen Musik, und was ist dabei wichtig? Ich hätte es nicht gut gefunden, wenn wir getrennt voneinander gespielt hätten. So werden wir tatsächlich voneinander lernen und voneinander profitieren. 

Was lernst du von den jungen Kolleginnen und Kollegen?

DW: Ganz viel Frische.

Mitglieder des Ensemble Modern begleiten auch die Probenphase der Jungen Deutschen Philharmonie als Dozenten...

DW: Dozenten würde ich uns nicht nennen. Es findet mehr ein Austausch statt, wir lernen uns kennen, besprechen und gucken, worum es geht in Les espaces acoustiques. Wir fokussieren bestimmte Dinge, die dann nicht erst in der Probe besprochen werden müssen. 

Wo wird die Probenphase sein?

PV: Die findet in Frankfurt und in Weikersheim statt.

DW: Das ist auch wieder etwas „back to the roots“. Die ersten Jahre traf sich das Ensemble Modern immer nur zu Arbeitsphasen. Ein paar Jahre später war die Auftragslage dann so voll, dass wir einfach beschlossen, ein Ganzjahres-Ensemble für Neue Musik zu werden. 

Und das verlangt natürlich eine ganz andere Infrastruktur. Wieso habt ihr euch in den 1980er Jahren für Frankfurt als Standort entschieden?

DW: Wir wurden damals eingeladen von Ulrich Schwab, dem damaligen Leiter der Alten Oper, die ja nach mehreren Jahrzehnten Sanierung 1981 neu eröffnet und nun als Konzertsaal genutzt wurde. Schwab sagte: „Kommt nach Frankfurt, ihr kriegt eine feste Reihe und einen festen Probenort. Die Abo-Reihe existiert bis heute. Der damalige Probenort war in der Schirn, vielleicht 40 Quadratmeter groß, und hatte eine Glasfront. Deshalb waren wir unglaublich bekannt. Im Konzert war zwar kaum jemand, aber man kannte uns, weil die Leute uns immer durch die Fenster beim Proben zuguckten. 

PV: Das ist eigentlich eine super Werbung, so direkt in der Innenstadt.

Was hat sich denn eurer Meinung nach in Sachen Selbstbestimmung in den letzten Jahren in euren Orchestern verändert? 

PV: Ich habe mal mit einem Fagottisten geredet, der früher bei der Jungen Deutschen Philharmonie war. Er berichtete von einer Amerika-Tournee, während deren es zu endlosen Diskussionen kam, bis spät in die Nacht. Das fand ich lustig. Wir diskutieren natürlich immer noch viel, aber mit mehr Augenmaß. Wir haben auch mehr Ausschüsse als damals, z. B. für die Programme. Deren Mitglieder werden alle zwei Jahre im Rotationsprinzip neu gewählt. Selbstverständlich nehmen die Ausschüsse und der Vorstand alle Vorschläge von den Mitgliedern auf. Grundsätzliche organisatorische und finanzielle Sachen regelt der Vorstand mit der Geschäftsführung.

DW: Das ist vielleicht der größte Unterschied zu früher: Die Mitbestimmung ist die gleiche geblieben, aber es gibt mehr Gremien. Vor allem der Vorstand hat eine unglaublich wichtige Rolle, auch beim Ensemble. Dessen Mitglieder versuchen alles so gut wie möglich vorzubereiten, damit die Vollversammlung, die ja auch in der „Jungen Deutschen“ das höchste Gremium ist, einfach viel besser entscheiden kann. Damals wurde drauflos diskutiert, ohne Wenn und Aber, ohne Punkt und Komma. Diese Diskussionen verzettelten sich manchmal unglaublich und uferten aus. Das ist heute tatsächlich anders, weil man auch dazugelernt hat.

Wenn die Junge Deutsche Philharmonie ein großes Projekt macht, steht neben Werken aus dem klassisch-romantischen Spektrum immer auch ein Stück Neuer Musik auf dem Programm. 

PV: Das ist ein Grundprinzip, dass wir in jedem Programm eine Mischung haben, die natürlich thematisch und dramaturgisch zusammenpassen soll.

Herrscht diesbezüglich in der Vollversammlung Konsens? Oder könnte es theoretisch auch passieren, dass die Vollversammlung sagt, jünger als Tschaikowsky darf es nicht werden?

PV: Auf jeden Fall diskutieren wir das Thema immer wieder. Aber wir versuchen, auch seitens des Vorstands, das von uns erarbeitete Profil, für das wir stehen und bekannt sind, beizubehalten und zu schärfen.

Was könntet ihr basisdemokratisch noch verbessern? 

PV: Die internen Kommunikationswege, um wirklich alle Mitglieder zu erreichen. Derzeit hat die Junge Deutsche 260 Mitglieder. An einer Arbeitsphase beteiligt sich vielleicht ein Drittel. Im Vorstand sind wir zu fünft, im Programmausschuss nochmal fünf Mitglieder. Damit wirklich das Spektrum abzudecken, ist oft nicht einfach. Und in allem eine Balance zu finden, mit der die meisten leben können, ist dann immer ein Akt. 

DW: … und dabei gleichzeitig ein scharfes Profil zu behalten, das nicht eingeebnet wird. Darin liegt die Herausforderung gerade bei Mitbestimmungsmodellen. Dass man sich nicht immer nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner richtet oder nach dem größten gemeinsamen Nenner, je nachdem. Bei der Mitbestimmung ist eigentlich die größte Herausforderung, dass du Solist und Gruppenmitglied gleichzeitig sein kannst. Du musst schon irgendwie ein irrer Charakter sein, damit du auch der Gruppe was bringst. Gleichzeitig musst du gruppenkompatibel sein. Du kannst nicht den ganzen Tag machen, was du willst. 

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Stefan Fricke
Musikjournalist

Achtung: Die Konzerte der Frühjahrstournee 2020 in Weikersheim, Berlin, Frankfurt und Hamburg wurden abgesagt. 

 

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