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Daniel, wie schmeckt Beethovens siebte Sinfonie?

—— Daniel Finkernagel: Der erste Satz schmeckt nach Minze – frisch, aufregend, mit kleinen Zitronentröpfchen. Der langsame Satz ist Vanille mit einem Schuss Cointreau. Der dritte Satz ist Gin Tonic, und der vierte schmeckt wie ein Regensturm im Sommer, der die Luft reinigt und einen umpustet.

Karolin, wie riecht Beethovens siebte Sinfonie für dich?

—— Karolin Spegg: Für mich riecht der erste Satz nach Farben. Der zweite riecht vielleicht nach Erde, nach frischer Erde, nach Natur, einem Waldboden. Der dritte nach der Gischt auf dem Meer, und der vierte nach einem Sommergewitter, da schließe ich mich Daniel an.

Lucy, wie fühlt sich Beethovens siebte Sinfonie an?

—— Lucy Flournoy: Wie ein Körper. Wie die Muskulatur unter der Haut, die angespannt sein kann oder entspannt. Der samtig und seidig sein kann, aber auch rau; glatt oder wild mit Haar, eckig, knochenhart oder sehr weich. Die Sinfonie ist so vielfältig wie die Landschaft eines Körpers.

ALLE SINNE FÜR DIE SIEBTE heißt euer Projekt. Normalerweise geht es im Konzert vor allem ums Zuhören …

—— DF:  Hören ist im Konzert aber auch ein sehr physisches Erleben, man spürt die Kraftwelle eines Orchesters, die Wucht des Klanges im Saal – im großen Unterschied zu dem, was wir im Moment mit den Streamingkonzerten im Netz erleben. Musik löst in uns körperliche Reaktionen aus. Neurologen sagen: Musikhören und Stillsitzen – das ist ein großer Irrtum!

—— LF: Ganz genau. Ein Geruch ist gleichzeitig ein Geschmack, und Musik ist gleichzeitig Bewegung. Wie das Gehirn, so sind auch unsere Sinne vernetzt. Wir versuchen diese Verbindung zu zelebrieren: In unserer Performance sollen alle Sinne angesprochen werden.

—— KS: Dabei wollen wir nachspüren, wie sich die einzelnen Sinne gegenseitig beeinflussen oder verstärken und wie sich dadurch die Wahrnehmung verändert, auch beim Spielen.

—— DF: Wir wollen Beethovens Musik nicht einfach illustrieren, sondern uns von seinem formalen und strategischen Denken inspirieren lassen, um etwas Neues zu schaffen. Wenn das klappt, werden wir damit sowohl dem Professor, der schon alles über die Siebte weiß, als auch dem, der zum ersten Mal in ein Konzert geht, das Herz, die Ohren, den Verstand, die Sinne öffnen.

Wie funktioniert das genau – in Vorbereitung und Aufführung?

—— KS: Von Beginn an proben wir parallel die Sinfonie und arbeiten in Workshops mit den KünstlerInnen, so dass wir uns sowohl mit unserem musikalischen Tun auseinandersetzen als auch mit den anderen Kunstformen, die uns beim Spielen beeinflussen und inspirieren sollen.

—— DF: In den Aufführungen sollen die Besucher in dem Moment, in dem sie das Foyer betreten, die Alltagswelt verlassen. Durch eine Schleuse bewegen sie sich in eine Kunstwelt und durchlaufen verschiedene Stationen. Wenn wir das gut machen, öffnen sich dann alle Sinne für das Klangerlebnis. Sobald die Sinfonie gespielt wird – auswendig übrigens, eine Riesenherausforderung –, spricht aber nur die Musik.

Lucy, wie wirst du als Physical Theatre  Artist mit den MusikerInnen arbeiten?

—— LF: In meiner Arbeit werden wir aus der Musik heraus Spielimpulse suchen, die die Körper in Bewegung bringen. Im Physical Theatre geht es um die Verbindungen, die man mit oder auch ohne Körperkontakt spürt: die Positionierung zueinander, die Energie, die hin und hergeworfen wird. Ich bin für den dritten Satz verantwortlich, da wird es viel darum gehen, die aufkommenden Energien physisch in den Raum zu bringen, was auch das Publikum beeinflusst.

Welche Rolle spielte eure Grundidee für die Auswahl der Aufführungsorte?

—— KS: Wichtig war, dass genug Platz ist, um unsere Schleuse aufbauen zu können.

—— LF: Genau, und dass es atmosphärisch möglich ist, einen Kunstraum zu schaffen. Dass der Ort nicht direkt beim Betreten von Erwartungen geprägt ist, sondern stattdessen Offenheit evoziert, für das, was kommt.

—— DF: Sehr schöner Punkt – weil natürlich ein wichtiges Prinzip bei Beethoven das bewusste Unterlaufen von Erwartungshaltungen ist. Genau das machen wir auch: Wir versuchen, auf vielen Ebenen die Erwartungshaltungen der Zuschauer kunstvoll zu unterlaufen.

Ist das Konzept also maßgeschneidert für Beethovens Siebte, oder würde es auch mit einem anderen Werk funktionieren?

—— DF: Ich finde, die Siebte eignet sich ganz besonders wegen ihrer unglaublichen Physis, wegen des Körperlichen, Tänzerischen in der Musik.

—— KS: Was wir vorhaben, wäre nicht mit jedem Werk möglich. Die Siebte ist ein Werk, das man oft hört, das gängig ist, und das die meisten von uns schon gespielt haben. Wir kennen Beethoven sehr gut, er schockiert uns nicht. Gerade deswegen ist es spannend, dass wir ihn in unsere heutige Zeit bringen und neu beleben, so dass man sich erstaunt fragt: Wow, was habe ich da grade eigentlich gesehen, gehört, wahrgenommen?

Welche besonderen Herausforderungen stellen sich bei einem solchen Projekt?

—— KS: Für die MusikerInnen ist es ein großer Vorbereitungsaufwand. Selbst wenn man die Sinfonie schon gespielt hat, ist es nicht leicht, ein ganzes Orchesterwerk auswendig zu lernen. Eine weitere Herausforderung ist, sich an jedem Ort neu auf die Räumlichkeiten einzustellen. Und nicht zu wissen, ob sich das Publikum auf unsere Idee einlassen wird.

—— DF: Aber auch, wenn Leute überrascht oder irritiert nach Hause gehen, haben wir alles richtig gemacht! Wir stellen bewusst Gewohntes in Frage. Das muss nicht jedem gefallen.

Was kann ein Besucher von ALLE SINNE FÜR DIE SIEBTE mit nach Hause nehmen?

—— LF: Ich beschäftige mich momentan mit dem sogenannten Numbing, dem Taubwerden angesichts der ständigen Medien- und Reizüberflutung um uns herum. Meine Hoffnung ist, dass durch die Art und Weise, wie wir die BesucherInnen durch den Abend führen, sie sich wieder öffnen können, ihre Sinne aufmachen und wirklich etwas wahrnehmen, sich berühren lassen können. Gerade aus unserer aktuellen Corona-Situation heraus können wir als KünstlerInnen Impulse geben. Nach dem Erlebnis von Lockdown und Berührungsangst: Welche kreativen Freiräume sind da zwischen uns, und wie können wir diese nach so einer Erfahrung auf gesunde, aber doch lebendige Art und Weise gestalten?

—— DF: Im Moment wird viel darüber geredet, ob und inwiefern Kunst systemrelevant ist. Natürlich ist Musik relevant für uns, weil sie zum Klingen bringt, was uns Menschen ausmacht, das Atmen, das Pulsieren, die Angst, deren Überwindung. Mit unserem Projekt hoffen wir, dafür sensibilisieren zu können, dass wir Kunst brauchen, weil sie beschreibt, was wir sind, und uns darin unterstützt, das nicht aufzugeben. Egal, wie schwierig die Zeiten sind. Apropos Corona: Das Publikum ist nah dran, aber natürlich wird alles nach aktuellen Sicherheitsbedürfnissen über die Bühne bzw. das Parkett gehen.

Das Interview führte Heidrun Eberl.

Fotocredit Karolin Spegg: Achim Reissner
Fotocredit Lucy Flournoy: Christopher Record
Fotocredit Daniel Finkernagel: Christian Brand

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